1909 als Einjährig-Freiwilliger
1917 auf Heimaturlaub wenige Wochen vor seinem Tod bei Kämpfen an der Somme

Friedrich Johannes Wilhelm Gojardt wurde am 26. August 1888 in Lübeck als erstes von fünf Kindern des Friedrich Claus Christian Gojardt und der Elise Frederike Cathinka Blöss geboren. 1909 wurde er als sogenannter Einjährig-Freiwilliger beim Infanterie-Regiment Lübeck eingestellt und erhielt seine Ausbildung im Lockstedt Lager nordwestlich von Hamburg. Von 1911 bis März 1914 war in kaufmännischer Funktion für das Hamburger Kolonialhandelshaus Wm. O`Swald & Co. in Ostafrika tätig. Als der erste Weltkrieg 1914 begann, war er wieder nach Lübeck zurückgekehrt und zog vermutlich gleich zu Beginn mit in den Krieg. Er gehörte dem Infanterie-Regiment „Hamburg“ (2. Hanseatisches) Nr. 76 (IR 76) an. Gojardt wurde im Laufe des Krieges mehrfach verwundet und starb am 21. Februar 1917 bei Kampfhandlungen bei dem Dorf Barleux an der Somme in Frankreich.

Ende Mai 1915 erreichte Gojardts Regiment das Dörfchen Ransart, wo das Regiment bis August 1916, also weit über ein Jahr verbleiben sollte. Die erste Stellung, die das Regiment innehatte, lag vor dem Dorf Ransart, die zweite Stellung lag ungefähr 2,5 km von Ransart in Adinfer und das Ruhequartier befand sich im Dorf Ayette. Aus dieser Zeit stammen die nachfolgenden Fotos.

Auf der dänischen Seite https://denstorekrig1914-1918.dk/soenderjyder-oversigt/soenderjyder-h/hansen-hans-peter-1878 ist die Geschichte eines Soldaten aus Nordschleswig zu finden, der ungefähr zur selben Zeit wie Gojardt in dieser Gegend stationiert war. Auf dieser Website ist die oben abgegildete Karte zu finden, auf der die Dörfer und die Frontlinie eingezeichnet sind.


Erste Stellung bei Ransart mit Wohnungen
Wegsperre Stellung Ransart
Wegsperre hinter Utff Posten 1 Ransart
Blick auf die Erste Stellung bei Ransart mit Höhe und Weg zur Stellung
Blick auf Ransart
Tonnenbarrikade Schlossstraße Ransart
Feldküche und Umgebung Ransart
Schlossruine in Ransart
Ausgang Adinfer nach Ransart

In dem Kriegstagebuch in Buchform mit dem Titel „Mit dem Regiment Hamburg in Frankreich 1914-1918“ von Otto Ahrends finden sich detaillierte Beschreibungen der Abläufe und Zustände. Ahrends war Offizier-Stellvertreter des Regiments und fiel 1916 an der Somme. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Ahrends und Gojardt gekannt haben, ist sehr hoch. In Ahrends‘ Buch gibt es ebenfalls Bilder von den Dörfern Ransart, Adinfer und Ayette.

Aus dem Bericht von Otto Ahrends sollen hier einige Passagen wörtlich wiedergegeben werden:

Zunächst eine Beschreibung vom täglichen Leben:

Rechts von uns liegt das Dörfchen Ransart, eingewiegt von rauschenden Bäumen, aber der Krieg hat jedes Haus verwüstet, sodaß die Einwohner längst geflohen sind. In einzelnen Gärten sinnen rosenumwobene Mauern den vergangenen Zeiten nach, während Dächer und Innenräume längst den herzlosen Geschossen zum Opfer gefallen sind. Aber überall stehen efeuumrankte Türme, blühende Büsche, fruchttragende Sträucher. (S. 170)

An einem Sonntagabend löst uns das I. Bat. ab, und wir ziehen mit unserer Menagerie nach Adinfer. Diese Menagerie besteht aus zwei kleinen Kätzchen, die sehr possierlich sind, und dem Bataillonshund „Lump“, dem vor einigen Tagen eine Granate haarscharf über den Rücken fuhr, daß er lautheulend mit gesträubten Haaren herbeistürzte. Der Igel bleibt zurück, und der Rabe der halb flügellahm in einem Bauer hing, ist auf und davon geflogen. In Adinfer beginnt ein ganz anderes Leben, da ist mein Bataillonsführer Ortskommandant und herrscht mit Nachsicht oder großer Strenge über die Ortseinwohner, wie es gerade nötig ist. Um 5 Uhr nachmittags sind wir für unsere Untertanen zu sprechen, ich als Dolmetscher, und nehmen ihre Bittgesuche entgegen. Einer will ein Schwein schlachten, wir wiegen bedenklich das Haupt, der Hauptmann ist heute gnädig, er gibt die Erlaubnis. Ein anderer will seinen Hafer mähen. Abgelehnt. Und so geht es fort. Jeder Spaziergang aus dem Ort kostet den Einwohner 40 Pfennig, wir haben Rieseneinnahmen. …. Das Schönste aber ist, über die Felder zu reiten und zu sehen, wie alles gedeihen will. Es ist eine große Gemarkung, die wir zu versehen haben. Hafer und Weizen stehen ausgezeichnet, auch Kartoffeln scheinen gut zu werden. Augenblicklich wird Heu eingefahren, 36 Franzosen, Männer und Frauen und 12 von unseren Holsteiner Bauern sind vom frühen Morgen auf dem Felde, und hochbeladen schwankt Wagen um Wagen mit der duftenden Last zu den weitgeöffneten Scheunen. (S. 171)

Die Franzosen sind im allgemeinen ruhig. Täglich wird die Stellung mit Granaten bedacht, aber Verluste erleiden wir nur wenig. Das liegt auch daran, daß wir mit jedem kommenden Tage besser eingebaut sind, daß aus den vorgefundenen Schlupfwinkeln allmählich bombensichere Unterstände und tief in die Erde reichende Stollen werden. (S. 174)

Quartier des Telefonisten in Adinfer
Schlossgarten in Adinfer
Eingang Adinfer von Douchy aus
Blick über Adinfer
Schwemme bei der Schule in Adinfer
Schwemme beim Schloss in Adinfer
Schipper bei der Arbeit in Adinfer
Einmarsch in Ayette – Kapelle
Kirche und Telefonistenhaus in Ayette

In dem Dorf Ayette hatte das Regiment seine Ruhestellung. Den Erinnerungsblättern („Erinnerungsblätter deutscher Regimenter, Infanterie-Regiment Hamburg (2. Hanseatisches) Nr. 76 im Weltkrieg 1914/18“ von Herbert von Sydow, Hauptmann a.D. im Kriege Regiments-Adjutant, Berlin 1922“) kann man taggenau Einzelheiten zu dem entnehmen, was diesem Regiment widerfahren ist. Es ist zu lesen, dass die Soldaten teils in den Häusern der 437 Einwohner von Ayette und teils in Baracken untergebracht waren. Da die Kompanien im Allgemeinen immer dieselben Quartiere erhielten, wurden sie allmählich wohnlich gemacht. Neben dem Innen- und Außendienst und trotz des Arbeitsdienstes, der von Teilen des Ruhebataillons gefordert wurde, fand sich noch Zeit für sportliche Betätigungen. Es wurden Fußball-Wettspiele und Turnfeste veranstaltet. Auf einer Freilichtbühne oder in einer Scheune wurden Theaterstücke aufgeführt oder eine Zirkusvorstellung gegeben. Büchersendungen aus der Heimat wurden, soweit sie nicht als Schützengraben-Bibliotheken in die Stellung wanderten, in Lesezimmern niedergelegt, die für die Mannschaften eingerichtet worden waren.

Gehöft in Ayette
Schmiede und Straße in Ayette
Unterhaltungsmusik in Ayette
Soldaten beim Stollenbau
Soldat bei der Morgentoilette
Bataillonsführerunterstand Reservestellung III/76

Im Folgenden weitere Zitate aus dem Buch „Mit dem Regiment Hamburg in Frankreich 1914-1916“, in denen beschrieben wird, wie das Regiment in seiner Stellung die Septemberoffensive der Alliierten von 1915 erlebte:

Dann kam der 25. September [1915], jener Tag der allgemeinen französischen Offensive, jener Tag, an dem die Erde Frankreichs sich in einen dampfenden Hexenkessel wandelte, an dem das Blut von Hunderttausenden in breiten Strömen den Boden färbte. (S. 182) Die ganze Linie stand unter Artilleriefeuer. … In einem unserer Abschnitte konzentrierte die feindliche Artillerie ihr Feuer auf unser Drahthindernis und schießt eine Gasse hinein, Draht, Drahtstöcke und Holzteile fliegen wild umher. Endlich meldet der Fernsprecher: „Angriff beim Nachbarregiment abgeschlagen“. Das war doch eine Erleichterung. Erst nach Tagen erfuhren wir, daß es nebenan bös zugegangen war. Ein unheimliches Trommelfeuer lag auf den Gräben. Das Drahthindernis zu einem einzigen unentwirrbaren Knäuel zusammengeschossen, Sandsäcke, Drahtböcke, Schießscharten, kurz alles, was nicht niet- und nagelfest war, nein bombenfest war, umgeschossen. Die Gräben strichweise völlig verschüttet. … Die Mannschaften hockten und kauerten in ihren Stollen, eng zusammengedrängt, kaum einer Regung fähig. Immer die bange Frage: Hält unser Stollen oder begräbt er uns unter der Wucht eines schweren Geschosses lautlos unter der Erde? (S. 183)

„Die Franzosen sind da!“. … Das Maschinengewehr links hatte den Angriff zuerst bemerkt. Von da aus sah man plötzlich dicke Kolonnen aus den feindlichen Gräben brechen. … Wenige Minuten später begann das Schwerfeuer unserer Artillerie auf die feindlichen Gräben mit allen verfügbaren Kalibern, und das saß. Schuß neben Schuß lag in den feindlichen Gräben, die noch vollgestopft waren mit Reserven, die als spätere Wellen den Angriff unterstützen sollten. Es kam keiner mehr heraus … In einem vorliegenden Grabenstück war es den Franzosen doch gelungen einzudringen. Vornehmlich Schwarze. Hier hatte die feindliche Artillerie so gewütet, dass unsere Stollen verschüttet waren. Unsere Leute konnten nicht mehr heraus. (S. 184) … Das dauert bis unser Gegenangriff kam, um dieses Grabenstück wieder zu nehmen. Und wie es mit Handgranaten, Bajonett, Schaufel, Axt und Fäusten losging, da waren die Schwarzen dabei, unsere Gefallenen auszuplündern. … Die Schwarzen wollten sich ergeben, man sah aber nur noch, wie einer nach dem anderen totgeschlagen wurde. … Der Graben stand voll Blut. Was noch vom Gegner flüchten konnte, flutete zurück. Es mochten etwa 100 Mann sein, die hetzte nun das Maschinengewehrfeuer und mähte hinter den Flüchtigen her, bis es immer weniger wurden, bis die Reihe ganz licht war. Zwei sollen die eigene Stellung noch wieder erreicht haben. Alles andere lag einzeln oder zu Haufen getürmt, teilweise verwundet, meist aber tot, vor unserer Front. … Die Franzosen haben an dieser Stelle keinen Angriff wieder gewagt. Hier war die große Offensive gescheitert. (S. 185)


Otto Ahrends, Mit dem Regiment Hamburg in Frankreich 1914-1916, München 1929,
Hamburger Kulturgut Digital:
https://digital.wlb-stuttgart.de/index.php?id=6&tx_dlf%5Bid%5D=9977&tx_dlf%5Bpage%5D=1

Herbert von Sydow, Das Infanterie-Regiment Hamburg (2. Hanseatisches) Nr. 76 im Weltkriege 1914/1918, Oldenburg i.O./Berlin 1922, Heft Nr. 52 aus der Schriftenfolge „Erinnerungsblätter deutscher Regimenter“

https://digitalisate.sub.uni-hamburg.de/recherche/detail?tx_dlf%5Bid%5D=40848&cHash=f93e34118f8efd776f7a34a3cbcf9106

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