KI-generiertes Fantasiebild eines Krughauses

In Lübeck vor dem Mühlentor gleich auf der rechten Seite an der heutigen Kronsforder Allee (früher Hamburger Landstraße) befand sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts über 200 Jahre lang die Krugwirtschaft „Weißer Schwan“, die später in „Tonhalle“ umbenannt wurde. Mindestens ab etwa 1730 bis 1830 stand das Wirtshaus im Eigentum ein und derselben Familie. Am Ende des Zeitraums wurde die Wirtschaft oft nur für eine Saison verpachtet. Zwei Eigentümer blieben jeweils um die 10 Jahre auf dem Weißen Schwan. 1857 fand nochmals ein Verkauf statt. Der neue Eigentümer benannte den Weißen Schwan in „Lübecker Tonhalle“ um und nahm umfangreiche Renovierungsarbeiten vor, um die Räumlichkeiten eleganter und zeitgemäßer zu gestalten. Er veranstaltete über viele Jahre hinweg Tanzvergnügen und Maskenbälle und ließ sich dabei immer etwas Neues einfallen. 1875 wechselte der Eigentümer nochmals bis dann im Jahre 1891 das Grundstück von der Hanseatischen Versicherungsanstalt für Invaliditäts- und Altersversicherung gekauft wurde, die dort das heute noch stehende mittlere Gebäude errichtete.

Kupferstich „Aussicht vom Mühlenthor Wall in Lübeck“ aus dem Buch „Ansichten der Freien Hansestadt Lübeck und ihrer Umgebungen“ von Heinrich Christian Zietz, 1822

Bevor Mitte des 19. Jahrhunderts die Eisenbahnstrecke im Verlaufe der heutigen Possehlstraße gebaut wurde, hatte man vom Weißen Schwan aus einen weiten Blick über die sumpfigen Wiesen, durch die sich damals die Trave schlängelte, bis hin zur Lachswehr.

Zuerst mag es sich bei dem Wirtshaus um ein einzelnes Gebäude gehandelt haben, aber spätestens beim Verkauf 1831 wird aus einer Verkaufsanzeige ersichtlich, dass es sich eher um ein ganzes Gehöft handelte. Es gab ein Wohnhaus mit Tanzsaal, eine große Scheune mit Pferde- und Kuhstall darin, eine Sommerwohnung zur Vermietung und eine überdachte Kegelbahn. Das Grundstück umfasste auch einen Garten mit Obstbäumen und dahinter Ackerland, alles zusammen waren es mehr als 1,5 Hektar. Man kann vermuten, dass das Ackerland für den Gemüseanbau genutzt wurde, denn bei der Volkszählung 1845 wurde der Eigentümer als Gärtner bezeichnet.

Der Weiße Schwan lag vor dem Tor und außerhalb der schützenden Wälle, was früher umgangssprachlich als „buten Dor“ oder „Draußen“ bezeichnet wurde. Vor der Stadt lebten insbesondere die Kohlgärtner, die in erster Linie Gemüse anbauten, und Kunst- und Handelsgärtner, die u. a. Obstgehölze, Zierpflanzen und Stauden kultivierten. Direkt gegenüber vom Weißen Schwan hatten die Kunstgärtnerfamilien von Brocken und Grösser ihre weitläufigen Grundstücke mit Gärtnerhäusern und Gewächshäusern. Neben dem Weißen Schwan, im Verlauf der heutigen Sophienstraße, baute die Gärtnerfamilie Hasse viele Jahrzehnte Gemüse an. Vor dem Tor gab es zudem noch einige Sommergärten wohlhabender Bürger, die es sich leisten konnten, der Enge der Stadt in den Sommermonaten zu entfliehen. Neben dem Gärtner Hasse hatte um 1820 der Kaufmann Adolph Rodde sein Gartenhaus.

Eigentümer und Wirte des Weißen Schwans

Ki-generiertes Fantasiebild eines Wirtes
in einem Wirthaus
von bis EigentümerMieterName
17331751Peter Vagt Der Weiße Schwan
17511769Anna Margaretha Vagt, Diederich Leverentzen 
17691793Anna Margaretha Vagt, Hans Bohn 
17931817Anna Margaretha Bohn, Hans Diederich Leverentzen 
18181820Anna Margaretha Bohn, Johan Detlef August Huhs 
18201824Anna Margaretha Bohn 
18241824Anna Margaretha Bohn, Jürgen Friedrich NagelHans Jürgen Jenssen
18251825Anna Margaretha Bohn, Jürgen Friedrich NagelHans Hinrich Schöer
18261826Anna Margaretha BohnJohann Hinrich Stehr
18271827Anna Margaretha BohnGotthard Friedrich Beeckströhm
18281829Anna Margaretha BohnCarl Friedrich Paulsen
18291831Anna Margaretha BohnJohann Matthias Friedrich Johanssen
18311833Peter Friedrich Pöhls 
18331845Heinrich August Ferdinand Schrader 
18451846Heinrich August Ferdinand SchraderChristian Theodor Claassen
18461846Heinrich August Ferdinand SchraderSophia Maria Juliane Rittscher
18471856Johann Jochim Heinrich Steffens 
18561866Johann Hinrich Theodor Mau Lübecker Tonhalle
18661872Johann Hinrich Theodor MauChristian Friedrich Herrmann BohtTonhalle
18721874Johann Hinrich Theodor Mau ohne Namen
18741885Johann Carl Conrad Lutz Schänkwirtschaft, Bierhalle
18831886Johann Carl Conrad LutzClaus Christian Friedrich SchmidtRestauration, Konzertsaal
18851892Johanna Carolina Friederike Lutz  
ab 1893Hanseatische Versicherungsanstalt für Invaliditäts- und Altersversicherung
Pfeil zweigt auf das Grundstück der Krugwirtschaft „Weißer Schwan“
auf einem Ausschnitt aus dem „Grundriss der Freien Stadt Lübeck“
von 1824 von H. L. Behrens
Gebäude der Hanseatischen Versicherungsanstalt für Invaliditäts- und Altersversicherung
in Lübeck um 1900, die heute noch dort stehen, wo sich der „Weiße Schwan“ befand.

Die Schutzlosigkeit vor den Toren bekamen die Bewohner zu spüren, als die Franzosen 1806 zur Eroberung der Stadt Lübeck anmarschierten. Sicherlich waren die Bewohner nun in die Stadt hinter die schützenden Wälle geflohen. Auch das Mühlentor wurde von den Franzosen mit schwerem Geschütz und Granaten angegriffen und nachdem sie das Burgtor eingenommen hatten, gelang es ihnen auch über das Mühlentor einzudringen. Als die Bewohner zu ihren Wohnungen zurückkehrten, fanden sie tote Soldaten, geschlachtete Tiere und geplünderte Häuser vor. Auch 1813, als der schwedische Kronprinz Bernadotte diesmal als Befreier mit seiner Armee heranrückte, spielten sich vor dem Mühlentor entscheidende Szenen ab. Verhandlungen über eine friedliche Übergabe fanden unter anderem in dem Gärtnerhaus des Herrn von Brocken gegenüber dem Weißen Schwan statt und führten letztendlich zum Erfolg.

Vor den Toren gab es noch keine Wasserleitungen oder Kanalisation, keine öffentliche Beleuchtung und Nachtwache. Wenn die wenigen Bewohner nachts ihre Lichter löschten, herrschte völlige Dunkelheit. Das Mühlentor war, wie alle anderen Stadttore, in der Nacht zugesperrt. Wer außerhalb der Öffnungszeiten hinein oder hinaus wollte, musste Sperrgeld bezahlen. Die Wirte vor den Toren mussten für die verkauften Waren keine Abgaben entrichten und konnten daher Bier und Wein günstiger anbieten als ihre Konkurrenten in der Stadt.

Das althergebrachte Leben vor den Toren fand nach und nach sein Ende, als 1864 die Torsperre aufgehoben und 1867 die Gewerbefreiheit eingeführt wurde. Maurer und Hauszimmerleute, die nun keinen Zunftzwängen mehr unterlagen, betätigten sich nun als Bauunternehmer, denn ihnen winkten nun viele Aufträge zum Bau von Häusern in den Gebieten vor den Toren, die jetzt „Vorstädte“ genannt wurden (Vorstadt St. Jürgen, Vorstadt St. Gertrud und Vorstadt St. Lorenz nach Kirchen in dem Gebiet). Man bezeichnete diese Zeit auch als Spekulationsjahre, da die Bauunternehmer in Erwartung großer Nachfrage Häuser auf Vorrat bauten. Auch die Gärtnerfamilie Hasse, die früher der nächste Nachbar des Weißen Schwans gewesen war, verkaufte nun ihr Gehöft. Auf ihrem Grundstück befindet sich heute die Sophienstraße, die von 1877 bis 1887 bebaut wurde.

Eine ausführliche Beschreibung der Krugwirtschaft Weißer Schwan und der Lebensumstände der Wirtsleute und vieler weiterer damit im Zusammenhang stehender Personen steht Ihnen in meiner „Geschichte der Krugwirtschaft Weißer Schwan“ hier zum kostenlosen Download zur freien Verfügung.